Eine Welle der Betroffenheit


Da ist wieder eine, eine Welle der Betroffenheit, die sich kurzfristig breit macht und dann still und leise verebbt. Bis zum nächsten Ereignis, das die Schwarmintelligenz dazu treibt, kollektiv die Profilbilder zu ändern.

Niemand, der mich kennt, wird mir ernsthaft Mangel an Mitgefühl vorwerfen und auch ich finde die Ereignisse furchtbar.

Aber „Pray for Paris“? Brauchen wir wirklich noch mehr Gebete in einem Glaubenskrieg? „Nous sommes unis“? Sind wir das wirklich? Der Ruf nach schärferen Grenzkontrollen ist laut, sehr laut, hüben die Guten, drüben die Bösen. Europa schafft es doch noch nicht einmal, sich zu einigen, wenn es um jene geht, die Schutz brauchen.

„Unsere Werte verteidigen“? Sind das nicht Freiheit, Menschlichkeit und Nächstenliebe? 9/11 hat gezeigt, dass die Verteidiger der Freiheit und Menschlichkeit keine Bedenken haben, eben diese Werte zu deren Verteidigung mehr und mehr einzuschränken. Kontrolle und Beschränkungen, Generalverdächtigungen und Übergriffe, bei denen vor einigen Jahren noch ein Sturm der Entrüstung und des Protestes gefolgt wäre, sind mittlerweile weitgehend widerspruchslos als legitime Mittel zur Erhaltung einer nur vermeintlichen Sicherheit akzeptiert. Wir gehen einen Weg, der uns immer weiter von den Werten entfernt, die wir doch so hoch schätzen.

Nein, auch ich habe keine einfache Lösung und weiß nicht, wie man Fanatismus und Glaubenskriegen am Besten entgegentritt. Vielleicht wären Bildung und gerechtere Verteilung von Wohlstand ein guter Anfang, einer, der unsere Werte lebt und nicht nur zu verteidigen vorgibt. Aber abgeben mag ja keiner so recht was und so wird es bei geänderten Profilbildern und Gebeten bleiben. Im besten Fall.

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9 Gedanken zu “Eine Welle der Betroffenheit

  1. Diese Betroffenheitswelle ist ehrlich gesagt grauenhaft. Allein bei Facebook kommt einem das Brechen, wenn man sieht, wie nun wegen den Vorfällen in Paris scharenweise User ihre Profilbilder in die Farben der Tricolore tauchen, sich aber nicht mal ansatzweise dafür interessieren, dass bei einem Bombenanschlag des IS nur einen Tag zuvor in Beirut auch mal eben 42 Menschen ihr Leben verloren haben. Diese Scheinheiligkeit widert mich an.

    • Es macht mir Angst, zu sehen, wie reflexartig der Herde gefolgt wird. Ereignisse wie diese zeigen nur allzu deutlich, wie einfach es ist, Menschen zu lenken, wenn man nur die richtigen Knöpfchen drückt. Inhaltlich sind die jeweiligen Aussagen nebensächlich und werden kaum hinterfragt. Und so ist es nur allzu einfach, auf dem Unterbau der emotionalen Betroffenheit den Grundstein für die Verfolgung der eigenen Interessen zu legen.

  2. Die immer wieder dargestellte kollektive Trauergemeinschaft der westlichen Hemisphäre ist der Bewältigung der Umstände nicht näher gekommen. Ursachenforschung wäre angesagt, da wird aber die gesamte Trauergemeinschaft aber keinen rühmlichen Platz einnehmen.

  3. Das Problem wird sich erst dann lösen lassen, wenn uns eingestehen, dass es kein Glaubenskrieg ist. Das ist purer Terrorismus und Diktatur (durch IS). Das hat überhaupt nichts mit Religion zu tun, denn gerade Anhänger der Religion fliehen vor den Auswüchsen dessen, was wir zu unrecht „religiöse Krieger“ bezeichnen. Ansonsten halte ich Anteilnahme für angemessen, aber bitte auch den Betroffenen in Beirut, in Syrien, Mali und sonstwo.

    • Für Dich und mich mag das kein Glaubenskrieg sein, aber der IS verkauft es nun mal als einen solchen. Ich glaube auch nicht, dass wir uns darüber streiten müssen, dass bei jedem bisherigen Glaubenskrieg der Glaube und die Religion nur als Legitimation herhalten mussten und es letztendlich immer nur um territoriale oder wirtschaftliche Interessen ging. Soweit nur ganz grob umrissen meine Gedanken zum Thema Glaubenskrieg.

      Selbstverständlich ist Anteilnahme absolut gerechtfertigt und wenn jemand Trost oder Hilfe im Gebet findet, so ist das auch eine gute Sache. Für ihn persönlich. Aber dieses öffentliche „Pray for Paris“, oft von Menschen, die nicht im geringsten gläubig sind und sich sonst auch nichts aus Religion, egal welcher Couleur, machen, ist unglücklich. Thinking of Paris, Crying for Paris, Feeling for Paris…Es hätte viele Möglichkeiten gegeben, die sinnvoller und weniger provokativ gewesen wären.

      • Das ist ja das Problem, der IS führt seinen Krieg unter dem Deckmantel der Religion und die Dumpfbacken in der westliche Welt springen darauf an. Solange das nicht getrennt wird, wird es auch „Glaubenskriege“ geben wo es nur darum geht, werden cooleren imaginären Chef hat. Das würde ich sogar in die gleiche Kategorie von Missverständnis stecken, jetzt zu sagen: „Betet für Paris“ sei das falsche Signal und provokativ. Das Gebet gibt es in den meisten Religionen auf die eine oder andere Art und soweit ich gesehen habe, lautete das Hashtag dafür nicht #PrayForParisButOnlyChristiansOrYouAreDoomed. Ich glaube auch Muslime, Hindus, Juden usw. dürfen ebenfalls für die gleiche Sache beten 😉 Die Frage ist immer, wer darin eine Provokation sieht. Der IS sieht schon im Leben der westlichen Gesellschaft eine Provokation, also ist es ohnehin egal was man tut. Alle Anderen brauchen sich davon nicht provozieren lassen, da es eine zutiefst anteilnehmende Geste ist … ich bin im übrigen ein gottloser Atheist, nicht dass du noch auf den Gedanken kommst, ich möchte hier missionieren :-).

      • Wirklich gute Argumente. Nimm mir aber bitte nicht übel, dass ich nach wie vor überzeugt bin, dass wir weniger Gebete als viel mehr säkulare Vernunft und Humanismus brauchen. In der ganzen Flüchtlings-IS-Terror-Europa-und-die-Welt-Debatte wird für meinen Geschmack schon viel zu viel mit Gefühlen und Glaubensmomenten taktiert, agitiert und Bauernfängerei betrieben.

        Insgesamt sind wir aber, glaube (! 🙂 )ich, gar nicht so weit voneinander entfernt und da macht es wenig Sinn, sich hier in diesem Rahmen um Details zu zanken.

      • Ach du, ich denke da genau so, dass uns Religion bei der Lösung solcher weltlichen Probleme, die so ganz und gar gegen jedes Religionsverständnis gehen, kaum helfen kann. Ich finde nur nichts schlimmes daran, öffentlich zum Gebet für die Opfer aufzurufen. Man muss zum glück nicht mitmachen 😉 Da gibt es viel schlimmere Sachen zu denen derzeit aufgerufen wird. Aktuell steht ein Teil der schlimmsten Hetzer und Aufrührer ja wieder vor historischer Kulisse in Dresden und instrumentalisiert die Opfer 😦

  4. Pingback: Weekly reading – KW 47/2015 | vanweh

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